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"ESVP: Von Köln nach Berlin – Bilanz und Perspektiven"

 

 

Sehr verehrte Frau Gnesotto,

lieber Javier Solana,

lieber Jaap de Hoop Scheffer,

meine sehr verehrten Damen und Herren Abgeordnete,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

es war unter deutscher EU-Präsidentschaft, beim Europäischen Rat in Köln

1999, dass die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik aus der

Taufe gehoben wurde.

 

Wenn wir heute – nur sieben Jahre später, aber bereits 16 ESVP-Missionen

weiter – zurückblicken, stellen wir fest, wie sehr sich dieser noch

junge Politikbereich der EU in so kurzer Zeit entwickelt hat.

 

Javier, Du hast von "Lichtgeschwindigkeit" gesprochen – und damit die

rasante Entwicklung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU

insgesamt gemeint. Ich glaube, dass man Gleiches mit Fug und Recht auch

für die Ausgestaltung eines Teilbereichs der GASP – die Europäische

Sicherheits- und Verteidigungspolitik – sagen kann.

 

Schon angesichts dieser schnellen Fortentwicklung scheint es sinnvoll,

einmal innezuhalten und Bilanz zu ziehen, was wir bisher erreicht haben.

Und genauso scheint es mir sinnvoll zu überlegen, wie die zukünftige

Gestaltung der ESVP aussehen soll. Wo müssen wir hin, wenn wir die

komplexen Sicherheitsaufgaben in der heutigen Welt bewältigen wollen?

 

Dieses Thema ist für uns wichtig, und deswegen haben wir gleich zu

Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft zu dieser Konferenz nach Berlin

eingeladen. Und ich freue mich sehr, dass der Hohe Repräsentant der EU,

Javier Solana, und der Generalsekretär der NATO, Jaap de Hoop Scheffer,

unserer Einladung gefolgt sind, um einleitend den Horizont für die

Beratungen abzustecken.

 

Mit dem Hohen Repräsentanten für die "Gemeinsame Außen- und

Sicherheitspolitik" hat auch die "Europäische Sicherheits- und

Verteidigungspolitik" ihr Gesicht und ihre Stimme bekommen. Javier, Du

hast die Konturen der ESVP ganz wesentlich mitgeprägt. Dass sie eine

Erfolgsgeschichte geworden ist, ist vor allem auch Dein Verdienst!

 

Mir lag auch sehr daran, dass der Generalsekretär der NATO die Stimme

des Bündnisses auf dem Podium vertritt. Deutschland hat immer Wert auf

eine gutes Verhältnis zwischen EU und NATO gelegt. ESVP und NATO tragen

– beide auf ihre Weise – zur Sicherheit Europas bei. Sie sollten dabei

eng zusammenwirken und können sich ergänzen – auch deshalb wollen wir

ihre strategische Partnerschaft weiter ausbauen.

 

Herzlich danken möchte ich auch dem EU-Institut für Sicherheitsstudien

und seiner Direktorin, die diese Konferenz gemeinsam mit dem Auswärtigen

Amt ausrichten. Ihre Anregungen, Frau Gnesotto, und Ihre Unterstützung

bei der Vorbereitung wissen wir sehr zu schätzen.

 

Wenn wir heute zurückblicken, so besteht für mich kein Zweifel: Die

Entscheidung, der Europäischen Union eine Komponente im Bereich

Sicherheit und Verteidigung zu geben, war richtig.

 

Ich kann mich noch erinnern, dass die Geburt der ESVP dies- und jenseits

des Atlantiks auch mit Skepsis begleitet wurde. Man befürchtete eine

Konkurrenz zur NATO und eine Duplizierung der Aufgaben.

 

Aber mir scheint, dass selbst die einstigen Skeptiker die Europäische

Sicherheits- und Verteidigungspolitik heute deutlich positiver

beurteilen. Die EU hat sich zu einem anerkannten Akteur bei der

internationalen Krisenbewältigung entwickelt. Die ESVP ist – nur wenige

Jahre nach ihrer Begründung – aus der europäischen und internationalen

Politik nicht mehr wegzudenken.

 

Beginnend im Jahre 2003 – und auch das ist gerade einmal vier Jahre her!

– hat die EU bereits 16 zivile und militärische Operationen auf den Weg

geschickt. Sie alle tragen dazu bei, Krisen zu bewältigen, Frieden zu

sichern und Konflikte zu verhüten.

 

Nur einige Beispiele aus der inzwischen langen Liste der Einsätze:

Sicherung des Grenzübergangs Rafah im Gazastreifen, Ausbildung von

irakischem Justizpersonal, Unterstützung der bosnischen und

kongolesischen Polizei, EU-Mission ALTHEA in Bosnien und Herzegowina zur

Absicherung des politischen Wiederaufbaus.

 

Im Kongo konnten wir pünktlich zum Ende des letzten Jahres eine

erfolgreiche Mission zur Absicherung der Wahlen beenden. Mit dieser

Mission haben wir Neuland beschritten – es war die erste ESVP-Mission,

die Truppen aus mehreren Mitgliedstaaten umfasste und gleichzeitig

autonom – vom Hauptquartier in Potsdam aus – gesteuert wurde. Gemeinsam

werden wir die Erfahrungen der Mission in den nächsten Wochen noch

einmal genau analysieren, und Sie werden sich schon in den kommenden

beiden Tagen damit befassen.

 

Die Beispiele zeigen: Die EU hat eine Identität in Sicherheitsfragen

bekommen, sie spielt eine eigene Rolle in der internationalen

Sicherheitsarchitektur.

 

In Fällen wie der Beobachtungsmission in Aceh/Indonesien, bei der

europäische Berater die Umsetzung des Friedensabkommens unterstützten,

oder der genannten Grenzmission in Rafah war die EU der einzige

internationale Akteur, den die Konfliktparteien als neutrale "dritten

Partei" akzeptierten. Das heißt: Niemand sonst als die Europäische Union

hätte in der konkreten Situation diese Verantwortung übernehmen können!

 

Und schließlich hat die EU einen Weg bei der Bewältigung von Krisen

beschritten, der durchaus Vorbildcharakter trägt – das haben auch die

Diskussionen beim NATO-Außenministertreffen am letzten Freitag gezeigt,

wo viele jetzt in ähnliche Richtung denken. Ich meine die Verbindung von

militärischen und zivilen Mitteln. Das Miteinander von Konfliktlösung

und Friedenssicherung einerseits und Unterstützung beim Wiederaufbau

andererseits. So wie in Bosnien, wo die EU Sicherheit gewährleistet und

gleichzeitig die Polizei ausbildet. Oder im Kongo, wo es neben der

Operation zur Absicherung der Wahlen eben auch zwei Missionen zur

Beratung der Polizei und für die Reform des Sicherheitssektors gibt.

 

Wenn wir also heute zurückblicken, dann können wir durchaus auch stolz

sein auf das Erreichte. Aber wir wissen alle, dass dieser Weg nicht

leicht war und schwierig bleibt. Innerhalb der Union gibt es über jeden

Schritt der Ausweitung der ESVP, über jede neue Mission – zu Recht –

intensive Diskussionen.

 

Und genauso ist es auch in den Mitgliedsstaaten, die die Truppen

stellen. In Deutschland erinnern wir uns an die kontroversen

Diskussionen über die Kongo-Operation, bevor Bundesregierung und

Bundestag dem Einsatz zugestimmt haben. Am Ende dieser Diskussion sind

unsere Soldaten mit der Unterstützung einer großen Mehrheit des

Bundestags nach Afrika gegangen.

 

Ich möchte mich an dieser Stelle – auch vor unseren ausländischen Gästen

hier im Saal – ausdrücklich zum Parlamentsvorbehalt für den

Auslandseinsatz der Bundeswehr bekennen. Das ist kein lästiger und

zeitraubender verfassungsrechtlicher „Formelkram“, sondern rührt an den

Kern unseres Verfassungsverständnisses. Die Zustimmung des Bundestags

ist die Legitimationsgrundlage und darüber hinaus die persönliche

Rückversicherung für jeden einzelnen Soldaten im Einsatz.

 

Und unsere Partner und Verbündete wissen auch, dass der Bundestag, wenn

es erforderlich ist, seine Entscheidungen rasch fällt.

 

Trotz der beachtlichen Erfolge – Grund zur Selbstzufriedenheit haben wir

nicht. Wir leben in einer dynamischen Zeit, und unser

sicherheitspolitisches Umfeld ändert sich ständig. Wir haben keinen

Anlass, uns auf den Lorbeeren gelungener Missionen auszuruhen. Wir

müssen sicherstellen, dass unser Instrumentarium, unsere Fähigkeiten und

unsere Konzepte mit den sich rasch ändernden Aufgaben Schritt halten.

 

In diesem Zusammenhang ein Wort zu den Beziehungen zwischen der EU und

der NATO. Ich sagte eingangs, dass der Bundesregierung viel an einer für

beide Seiten fruchtbaren strategischen Partnerschaft gelegen ist. Ich

glaube aber, dass wir weit davon entfernt sind, das Potenzial der

Zusammenarbeit auszuschöpfen.

 

Dabei läuft die konkrete Zusammenarbeit bei einzelnen Operationen gut –

sei es in Bosnien und Herzegowina oder zur Unterstützung der

Afrikanischen Union für Sudan/Darfur. Auch im Kosovo werden EU und NATO

im Hinblick auf die geplante ESVP-Mission eng zusammenarbeiten. Dasselbe

gilt für Afghanistan, umso mehr wenn – was derzeit beraten wird – die EU

sich noch stärker an der Ausbildung afghanischen Sicherheitspersonals

beteiligt.

 

Ich hoffe, dass von dieser praktischen Zusammenarbeit auch Impulse für

eine neue politische Qualität der Beziehungen zwischen beiden

Organisationen ausgehen. Wir wünschen uns einen breit angelegten

strategischen Dialog zwischen NATO und EU über unsere gemeinsamen

sicherheitspolitischen Aufgaben, eine echte strategische Partnerschaft,

bei der sich die EU und die NATO in ihren jeweiligen Stärken klug ergänzen.

 

Gestatten Sie mir ein paar Sätze zu den Aufgaben der Europäischen

Sicherheits- und Verteidigungspolitik in der näheren Zukunft, unter

deutscher Ratspräsidentschaft.

 

Anfang Februar beabsichtigt Präsident Ahtisaari, der Sonderbeauftragte

der Vereinten Nationen, seine Empfehlungen für den zukünftigen Status

des Kosovo vorzulegen. Wenn die politische Umsetzung der Statuslösung

gelingen soll, wird sie durch eine breite internationale Präsenz

abgesichert werden müssen.

 

Die EU hat ihre Bereitschaft dazu erklärt – und steht vor der größten

und anspruchsvollsten zivilen Mission, die im Rahmen der ESVP bisher

mobilisiert wurde. Sie wird in den Bereichen Justiz und Polizei die

Verantwortung von der UNO-Mission UNMIK übernehmen und wäre damit auch

die erste ESVP-Polizeimission, die neben nur beratenden auch

exekutiv-hoheitliche Befugnisse ausübt.

 

In Bosnien und Herzegowina hat sich die Lage – 10 Jahre nach

Unterzeichnung des Dayton-Abkommens – in eine Richtung entwickelt, die

es unter Sicherheitsgesichtspunkten ermöglicht, die bisher größte

militärische EU-Mission ansatzweise herunterzufahren. Gleichzeitig

setzen wir unser ziviles Engagement bei der Polizeiausbildung fort.

 

In der Demokratischen Republik Kongo steht nach Abschluss des Einsatzes

zur Absicherung der Wahlen nun wieder das zivile Engagement im

Vordergrund. Neben finanzieller Unterstützung und

Entwicklungszusammenarbeit führt die EU ihre beiden zivilen Missionen

fort: zur Beratung der kongolesischen Polizei und für die Reform des

kongolesischen Sicherheitssektors – beides Schlüsselbereiche für eine

gute Regierungsführung.

 

Im Nahen Osten flankieren die zivilen EU-Missionen – am Grenzübergang

Rafah und beim Aufbau der palästinensischen Polizei – unser politisches

Engagement zur Wiederbelebung des Quartetts und zur Unterstützung von

Präsident Abbas.

 

Auch wenn der Wahlsieg der Hamas und die Nahostkrise im Sommer 2006 die

Bedingungen für beide Einsätze erschwert haben, auch wenn die

Grenzübergangsstelle in Rafah seither leider oft geschlossen bleiben

musste, als Bilanz bleibt: Seit November 2005 haben fast 350.000

Reisende den Grenzübergang in beide Richtungen überquert – ein nicht zu

unterschätzender Beitrag zur Verbesserung der prekären humanitären Lage

im Gazastreifen.

 

In den nächsten Wochen stehen auch die Beratungen über eine mögliche

EU-Polizeimission in Afghanistan an. Wir wissen alle, wie kritisch die

Lage dort ist, wie wichtig gleichzeitig aber auch das internationale

Engagement. Und gerade haben wir beim Troika-Treffen mit Afghanistan mit

dem Außenminister darüber diskutiert: Ohne Entwicklung keine Sicherheit,

genauso wie es ohne Sicherheit keine Entwicklung geben kann. Nur wenn

wir die Herzen der afghanischen Bevölkerung gewinnen, nur wenn es uns

gelingt, auch den zivilen Wiederaufbau glaubhaft voranzubringen, werden

wir die Lage dauerhaft stabilisieren können.

 

Neben der Planung und Durchführung dieser konkreten Operationen werden

wir in den kommenden Monaten auch die Bemühungen fortsetzen, die

Handlungsfähigkeit der ESVP insgesamt auszubauen. Seit 1. Januar 2007

sind die ersten schnell verlegbaren Gefechtsverbände einsatzbereit, und

Deutschland stellt, gemeinsam mit den Niederlanden und Finnland, einen

solchen schnell verlegbaren Verband im ersten Halbjahr 2007.

 

Daneben werden wir den systematischen Ausbau auch der zivilen

Fähigkeiten der EU zur Krisenbewältigung weiter vorantreiben. Gerade

dieser zivile Aspekt ist ja das "Markenzeichen" der ESVP. Deutschland

hat sich von Anfang an dafür eingesetzt und wird weiter darauf drängen,

dass zivile und militärische Fähigkeiten gleichermaßen entwickelt werden.

 

Dies gilt auch für die Vertiefung strategischer Partnerschaften. Neben

der NATO steht dabei die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen ganz

oben auf der Tagesordnung. In der Europäischen Sicherheitsstrategie hat

sich die EU zu „einer Weltordnung auf der Grundlage eines wirksamen

Multilateralismus mit den Vereinten Nationen als Kern“ bekannt. Das

schlägt sich in konkreter Zusammenarbeit nieder: im Kongo – Hand in Hand

mit der UNO-Mission MONUC, im Kosovo – beim Übergang von UNMIK auf die

EU-Mission oder beim engen Zusammenwirken in Bosnien. Wir wollen diese

Kooperation unter deutscher Präsidentschaft noch weiter intensivieren.

 

Quo vadis – ESVP? Die europäischen Staaten können auch

sicherheitspolitisch in der heutigen komplexen Welt nur bestehen, wenn

sie gemeinsam agieren. Der Verfassungsvertrag beinhaltet auch

Fortschritte für die ESVP – ein Grund mehr, weswegen wir ihn brauchen.

 

Und es sei gestattet, über langfristige Visionen nachzudenken: über die

schrittweise Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik hin zur

Option einer gemeinsamen europäischen Verteidigung.

 

Es ist heute weithin die Rede von einer Krise der EU. Und von einem

Mangel an Visionen. Eine gemeinsame europäische Verteidigung – wäre das

nicht ein guter Kandidat?

 

Im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik brauchen wir

Europäer mehr gemeinsame Entwicklung und Beschaffung und eine bessere

Abstimmung unserer Schwerpunktaufgaben. Dies wäre nicht nur politisch

vernünftig, sondern hätte auch finanzielle Vorteile für die Haushalte

der Mitgliedstaaten. Nicht zuletzt deshalb haben wir ja auch vor drei

Jahren die Europäische Verteidigungsagentur gegründet.

 

Mittel- und kurzfristig geht es darum, dass wir uns bestmöglich auf die

anstehenden operativen Aufgaben vorbereiten. Vor dem Hintergrund des

gerade beendeten Kongo-Einsatzes und der vor uns liegenden

Kosovo-Mission liegen die Fragen auf der Hand: Haben wir ausreichende

europäische Planungs- und Führungsfähigkeiten für eigenständige

militärische und komplexe zivile Missionen? Bedarf es einer Anpassung

der Planungsverfahren? Nutzen wir die neu geschaffenen Instrumente – wie

etwa die "zivil-militärische Zelle" im Ratssekretariat – so effektiv wie

möglich?

 

Die Konferenz bietet heute und morgen die Gelegenheit – außerhalb der

regulären Gremienarbeit in Brüssel – , über grundlegende Fragen der

Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu diskutieren. Ich

wünsche mir eine offene und konstruktive Debatte. Die ESVP ist zwar eine

Erfolgsgeschichte – frische Impulse und kritische Anstöße kann sie aber

dennoch gut gebrauchen!

 

Ich danke Ihnen.

 

Bundesminister Frank-Walter-Steinmeier
ESVP-Konferenz im Auswärtigen Amt, Berlin
29. Januar 2007

 

 

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