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Grußwort von Botschafter Libal zur Eröffnung des XII. Else Lasker-Schüler Forums
am 16.10.2004 am 16. Oktober 2004

 

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

Die heutige Podiumsdikussion, zu der ich Sie im Namen der Bundesregierung begrüße, ist der Auftakt zu einer wirklich beeindruckenden Serie von Veranstaltungen, wie ich sie in dieser Fülle im Rahmen der deutsch-tschechischen Kulturbeziehungen noch nicht erlebt habe. Allen, die daran mitwirken oder zu ihrem Zustandekommen beigetragen haben, gilt mein ganz besonderer und sehr herzlicher Dank.

Dieses XII Else-Lasker-Schüler-Forum ist ein im besten Sinne mitteleuropäisches Ereignis. Nicht allein deshalb, weil es in Prag stattfindet und damit an die großartige intellektuelle und künstlerische Vergangenheit der Stadt in der ersten Hälfte der vergangenen Jahrhunderts erinnert und gerade auch an ihre Stellung in der deutschen Literatur – deutsch hier im umfassendsten, unpolitischen Sinn des Wortes. Die gemeinsame Erinnerung an das, was Prag einmal für das Zusammenleben von Deutschen, Tschechen und Juden bedeutet hat und für den geistigen Austausch zwischen ihnen im Zeichen gegenseitigen Interesses und gegenseitiger Akzeptanz, nicht notwendigerweise immer gegenseitiger Zuneigung, - Sie merken, daß ich das Wort „Symbiose“ hier durchaus vermeide – eine solche Erinnerung sollte bewußt als gemeinsames Erbe empfunden und gepflegt werden. Das Else- Lasker-Schüler-Forum 2004 verstehe ich als eine Aufforderung hierzu.

Die Themen, die die Kette der Veranstaltungen durchziehen sind – man muß fast sagen: leider – ebenfalls sehr mitteleuropäisch: Verfolgung, Exil, Widerstand und ihre Auswirkungen auf das geistige und kulturelle Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Wir sind dabei in einer glücklichen Lage. Die großen Umwälzungen des Jahres 1989 haben Budapest, Warschau und Tallinn – um nur die heute Abend hier vertretenen Städte zu nennen - gewissermaßen an Europa und damit an uns selbst zurückgegeben. Über diesem Glück sollten wir nicht vergessen, welch mutiger Einsatz so vieler großer und kleiner Akteure in der geistigen Welt dafür erforderlich war. Allen diesem Männern uns Frauen sind wir heute zu Dank verpflichtet.

Diese Wiedervereinigung Europas macht es auch möglich, im Gedenken an die vortotalitäre und an die totalitäre Zeit einige der noch überlebenden Zeugen zu befragen und damit einen Faden der Kontinuität zwischen den Generationen zu spinnen, die schon nach weiteren zwanzig oder dreißig Jahren totalitärer Herrschaft nicht mehr möglich geworden wäre.

Aber wer mit den Überlebenden spricht, spricht zwangsläufig von denjenigen, die nicht überlebt haben und die nicht mehr für sich selber reden können. Die Opfer dieser schrecklichen Jahrzehnte sind wie ein unsichtbares Publikum, das unsere Bemühungen um die Wahrung ihres Andenkens zu begleiten scheint.

Wir, die Nachgeborenen oder nicht unmittelbar Betroffenen, dürfen es uns selbst auch nicht zu leicht machen. Wer von uns kann schon mit unangefochtenem Selbstvertrauen wissen, wie er selbst die intellektuellen und moralischen Prüfungen bestanden hätte, die das totalitäre Zeitalter den Zeitgenossen auferlegte? Fragwürdig scheint es mir deshalb, unter den historisch einmaligen, so gesicherten Lebensverhältnissen der westlichen Welt, den Tragödien der Vergangenheit Satyrspiele von heute folgen zu lassen, die niemanden mehr etwas kosten. Wenn wir Begriffe wie „Widerstand“, „Solidarität“, „Antifaschismus“ ernst nehmen, müssen wir heute dorthin schauen, wo tatsächlich noch Verfolgung und Unterdrückung herrschen, wo wirklicher Widerstand geleistet wird, weil die Schriftsteller und kritischen Intellektuellen, gerade auch die Frauen unter ihnen, die versuchen „in der Wahrheit zu leben“, anders als bei uns, mit ihrem Leben, ihrer Freiheit oder ihrer Gesundheit für einen solchen Versuch einstehen müssen.

In diesem Sinne wünsche ich uns einen interessanten Abend mit den vier Präsidenten und der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft eine erfolgreiche Woche hier in Prag, die noch lange im Gedächtnis derer bleibt, die an ihren Veranstaltungen teilnehmen..

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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