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Laudatio auf Lenka Reinerová

 

Sehr geehrte Frau Reinerová,

sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrte Frau Tvrzníková,

liebe Frau Fodorová,

liebe Freunde,

meine Damen und Herren,

 

der Anlass, der uns heute zusammen führt, ist ein seltener und besonderer: Bundespräsident Horst Köhler hat Ihnen, verehrte Frau Reinerová, eine der höchsten Auszeichnungen verliehen, die die Bundesrepublik Deutschland zu vergeben hat: das Große Verdienstkreuz.

 

Sie haben mich, als ich Sie von der Auszeichnung benachrichtigte, zuerst einmal etwas verwundert gefragt, wofür überhaupt Ihnen ein Orden verliehen werde. Man kann sich in der Tat fragen, welcher der Leistungen, die Sie in Ihrem Leben bisher vollbracht haben, die heutige Auszeichnung gilt: Ihrem Widerstand, den Sie geleistet haben, als Ihr Land von Hitlerdeutschland bedrängt wurde? Ihrer Tätigkeit als Journalistin oder Buchautorin? Ihrer Rolle bei der Initiative zur Errichtung eines Hauses der deutschsprachigen Literatur in Prag?

 

Als erstes möchte ich Ihr Verdienst um die deutsche Sprache hervorheben, die geschriebene wie die gesprochene.

 

„Hören Sie der Reinerová zu, wenn Sie wissen wollen, wie Kafka gesprochen hat“, sagte der Verleger Klaus Wagenbach. Sie sprechen das besondere „Prager Deutsch“. Sie haben Hervorragendes geleistet, um dieses Prager Deutsch lebendig zu erhalten. Eine Journalistin hat es kürzlich so beschrieben, dass immer ein bisschen Freude, ein bisschen Witz dabei mitschwingt. Ich finde diese Charakterisierung zutreffend. Sie gilt im übrigen nicht nur für die Art, wie Sie sprechen, sondern für Ihre ganze Art, Ihren Mitmenschen zu begegnen.

 

Hinzu kommt eine besondere Lebenshaltung. „Mein Leben ist ein unverdientes Geschenk“ – das ist ein Ausspruch von Ihnen. Er bringt nicht nur Dankbarkeit, sondern ebenso eindringlich eine Stärke der Persönlichkeit zum Ausdruck. Wir, die wir heute hier versammelt sind, wissen um die Schicksalsschläge, die Sie getroffen haben: Elf Familienangehörige, darunter Vater, Mutter und Ihre beiden Schwestern wurden in deutschen Lagern ermordet. Sie konnten zum Glück, zum Glück auch für uns, nach Mexiko entkommen, über harte Zwischenstationen in Frankreich und Marokko.

 

Viele Menschen Ihrer Generation, die ähnliche Lebensschicksale erlitten haben, haben daraus die Konsequenz gezogen, Distanz zu den Deutschen und auch ihrer Sprache zu wahren, ihren Gebrauch nach Möglichkeit zu vermeiden. Sie haben das nicht getan, im Gegenteil, und dies einmal mit dem Satz kommentiert, „man könne der Sprache doch nichts übel nehmen“.

 

Auch dass Sie heute diese deutsche staatliche Auszeichnung entgegen nehmen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie haben mir dazu gesagt, dass es sich beim heutigen Deutschland um ein gründlich anderes Land handle, als das Land der 30er und 40er Jahre.

 

Und so haben Sie durch Ihr praktisches Leben und Verhalten eine Einstellung vorgelebt, die vielfach von den Opfern der Geschichte des 20. Jahrhunderts eingefordert, aber nicht immer auch konkret praktiziert wird: Die Bereitschaft zur Versöhnung. Auch dafür möchten wir Sie natürlich heute ehren.

 

Mit Ihrer Lebenseinstellung und in Ihrem Werk haben Sie aber einen Standpunkt eingenommen, der noch darüber hinaus reicht. Sie haben stets unterschieden zwischen den totalitären Systemen einerseits und den Menschen andererseits, die es selber in der Hand haben, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Weitere schmerzliche Erfahrungen blieben Ihnen dennoch auch in Ihrer tschechoslowakischen Heimat nicht erspart.

 

Schon bald nach Ihrer Rückkehr nach Prag gerieten Sie zwischen die Mahlsteine der stalinistischen Verfolgung. Im Rahmen der berüchtigten Slansky-Affäre wurden Sie Opfer der ersten Verhaftungswelle, mussten danach zusammen mit Ihrer Familie nach Pardubice in die Verbannung und ein mehrjähriges Schreibverbot erdulden. Das Schreibverbot traf sie erneut nach dem Prager Frühling, als Sie auch die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei verloren und endgültig zur Dissidentin wurden.

 

Die langen harten Jahre der Unterdrückung haben Sie nicht brechen und Ihre Energie nicht mindern können. Im Gegenteil. Als endlich die Samtene Revolution Ihrem Land die Freiheit bringt, haben Sie wieder zur Feder gegriffen, als wollten Sie sagen: Jetzt erst recht! Die Bücher, die Sie seither geschrieben haben, haben seither unzählige Menschen im deutschen Sprachraum bezaubert und begeistert. Ihnen verdanken wir Einsichten und Erkenntnisse über das schwierige letzte Jahrhundert, Sie eröffnen uns neue Sichten auf die unvergleichliche Stadt Prag, Ihre Stadt.

 

Und nicht zuletzt sind Sie als Mensch und Autorin das lebende Zeugnis für die große Tradition der deutschsprachigen Literatur in Prag. Ihr Leben und Werk legt aber auch Zeugnis ab von den drei großen Kulturen, der tschechischen, der deutschen und der jüdischen. Hierzu hat Pavel Kohout, den ich hier einmal zitieren darf, gesagt: „Das verlorene Land der drei großen Kulturen, der tschechischen, der deutschen und der jüdischen, kann man genauso wenig wieder zum Leben erwecken wie das versunkene Atlantis. Was man aber kann und soll, ja muss, ist: Die Tschechische Republik allen Kulturen der Welt zu öffnen, vor allem denen, die hier bereits zu Hause waren.“

 

Liebe Frau Reinerová,

 

Sie haben es nicht bei der Rolle der Zeugin einer großen Epoche der Prager Literatur und Wahrerin einer schriftstellerischen Tradition belassen. Sie sind auch – zusammen mit Botschafter Frantisek Cerny, Professor Kurt Krolop und Frau Dr. Marketa Malisová - die treibende Kraft hinter dem wunderbaren Vorhaben eines "Hauses der deutschsprachigen Literatur in Prag", einer Initiative, die sich auf eine eigenständige mitteleuropäische Verwendung der deutschen Sprache beruft und deshalb konsequent in erster Linie auf tschechische Kräfte stützt. Das hindert Sie nicht, sich ebenso in der tschechischen Literaturszene zu engagieren. Ihre Werke sind inzwischen alle ins Tschechische übersetzt und erfreuen sich einer breiten und weiter wachsenden Leserschaft auch hier. Mit diesen Erfolgen einher geht eine Reihe herausragender Ehrungen. Nunmehr würdigt Sie der Bundespräsident für Ihre Verdienste um die deutsch-tschechischen Beziehungen, die zu den bedeutendsten, aber auch zu den komplexesten in der Mitte Europas gehören. Nicht nur in einem diplomatischen Sinne, auch nicht „nur“ in einem literarischen, sondern in einem umfassenden, menschlichen.

 

Wenn Sie mir im Rahmen dieses „staatlichen Aktes“ eine Bemerkung ganz persönlicher Art gestatten: In meiner erst kurzen Tätigkeit hier in Prag gehört die Chance, Sie kennen gelernt zu haben, Ihnen zuzuhören, wenn Sie erzählen oder vorlesen, zu den ganz besonders beeindruckenden und positiven Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Ich wünsche Ihnen daher auch ganz persönlich Kraft für Ihr weiteres Schaffen, das uns alle bereichert.

 

Liebe Frau Reinerová,

 

es ist mir eine Ehre, Ihnen die Verleihungsurkunde des Großen Verdienstkreuzes zu übergeben sowie Sie im Namen von Bundespräsident Horst Köhler mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland auszuzeichnen.

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